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Titelblatt
Geleite, die draußen sind!
Erzählung von Th. Justus (Th. Zedelius)
1.–20. Tausend
Verlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden. Geschäftsstelle: Buchhandlung Heinrich Staadt, Wiesbaden. 1906.
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Mit Genehmigung der Dichterin und der Verlagsanstalt abgedruckt aus „Am Küstensaum“. Erzählungen von Th. Justus. J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und Berlin.
Druck von Carl Rembold in Heilbronn a. N.
Einleitung von Friedrich Bernt, Weimar, November 1905
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Einleitung
Th. Justus ist kein in den weiteren Kreisen, die an der deutschen Erzählungskunst Anteil nehmen, bekannter Name. Die Kunst der Dichterin, die wir darunter dem Leser vorstellen, wurzelt in ihrer Heimat; aus ihr hat sie Vorwürfe und Gestalten ihrer Erzählungen genommen, und der Heimatboden hat für sie eine dauernde Fruchtbarkeit bewährt. Was er ihr an Stoff in Dingen und Menschen bot, war in der Breite gewiß nicht allzuviel; aber die Liebe der Betrachterin auch zum Unscheinbaren, hinter dem sie das in höherem Sinne Gültige sah, ihre genaue Kenntnis des Landes und seiner Bewohner haben eine Reihe trefflicher Bilder gestalten helfen, deren Wärme und Deutlichkeit erquickend anziehen. Die Umgebung und Gewöhnung ihrer Kinder und ihrer Jugend haben Th. Justus von der ersten Zeit des Bewußtwerdens an darauf hingewiesen, der Umwelt mit ihrem nicht auf den ersten Blick erkennbaren Reiz eindringende Aufmerksamkeit zu widmen, den spröden Menschen, die seit langen Zeiten an der Wasserkante hausen, ins Herz zu schauen, was liebenswert und eigenartig darin sei. Am 25. Januar 1834 kam Theodore Zedelius — so lautet ihr bürgerlicher Name — in dem oldenburgischen Städtchen Ovelgönne zur Welt, als Tochter
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eines angesehenen Arztes von ernstem und reichem wissenschaftlichem Streben und einer für poetische Eindrücke mit reger Empfänglichkeit begabten Mutter. Unter zwei Schwestern besaß eine acht Jahre ältere, die nach einem viele Jahrzehnte währenden Zusammenleben der Dichterin 1892 im Tode voranging, gleich ihr das Erbteil der feinsinnigen Mutter, bleibende und wertvolle Eindrücke aufzunehmen. Den vielbeschäftigten Vater begleitete Theodore Zedelius gern auf seinen Berufsfahrten und auf Reisen an die See, in die angrenzenden Gebiete. Dabei konnte sie tiefe Einblicke in Leben und Tun der Seeleute tun, der ausfahrenden und besonders der daheimgebliebenen, mit seiner Mühseligkeit und seinen geringfügigen und großen Schmerzen und seinen selteneren, einfachen Freuden, seinen Neigungen und Anschauungen. In froher und dankbarer Erinnerung an diese Zeit hat die Dichterin als Vierundsechzigjährige bekannt, „daß die unauslöschliche Liebe zu den Stätten meiner Kindheit und Jugend, zu den Marschen, Mooren und Heiden, über welche der Atem der Nordsee hinzieht, und zu den Inseln, welche ihre Wogen umbranden, mich durch mein ganzes Leben, durch sonnige und durch trübe Tage begleitet hat. Und nicht minder die Liebe zu dem Volk, das diesen Boden bewohnt — diesem wortkargen, verschlossenen, nichts weniger als liebenswürdigen und entgegenkommenden und doch so tiefgründigen, tüchtigen und treuherzigen Menschenschlag!“ In späteren Jahren siedelte der weibliche Teil der Familie nach Oldenburg über; die Schwestern haben hier gemeinsam gelebt, und von hier sind die zahlreichen Erzählungen von Th. Justus ausgegangen, die in Sammlungen volkstümlicher Literatur (so im „Hausschatz deutscher Erzählungen“ und in den „Neuen Volksbüchern“) und in Zeitschriften
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und Zeitungen, danach zum Teil in drei Bänden vereinigt erschienen. Über ihr ferneres Leben ist nichts bekannt geworden, nirgends spricht die Dichterin davon; nur wenige Daten hat sie für Franz Brümmers „Lexikon der deutschen Dichter“ mitgeteilt und ihres liebenden Hanges zu den Stätten der Jugendzeit im Vorwort zur Sammlung „Auf heimischer Erde“ gedacht. Es ist wohl ein äußerlich wenig bewegtes Leben gewesen, das stille Dasein einer unverheirateten Frau, die den Reichtum ihres Gemütes im engen Kreise ausspendete, doch darin sich nicht Genüge tat und ihn dichterisch zum Bild gestaltete. Mehr als einundsiebzig Jahre alt, ist Theodore Zedelius am 10. Juni 1905 in Oldenburg verschieden. Nirgends in literarischen Organen wurde ihr Tod erwähnt und keine Würdigung der Dichterin aus seinem Anlaß war zu lesen; sie hatte sich bei Lebzeiten immer zurückgehalten, und so ging auch ihr Scheiden unbeachtet vorüber. Dem größeren gebildeten Publikum war sie ja so wenig bekannt geworden, als sie die Aufmerksamkeit von Männern der Literatur erregt hatte — mit einer Ausnahme: Richard Maria Werner hat ihr eine Studie seiner 1900 erschienenen Sammlung „Vollendete und Ringende“ gewidmet, in der er, wohl als Erster, mit vieler Wärme auf die innere Schönheit der poetischen Welt der Dichterin hinweist, die viel zu wenig Freunde hat, und in einer vortrefflichen Untersuchung an vielen Einzelheiten zeigt, was den Erzählungen von Th. Justus ihren eigenen Reiz gibt, sie so fesselnd und vielfältig ergreifend macht. Seinem Aufsatze hat Werner ein Bildnis der Dichterin vorangestellt; es zeigt ein feingeformtes Antlitz mit dem Zuge sanfter Freundlichkeit und schlichten Wohlwollens um den Mund und in den klaren Augen, die ruhig und ernst dreinblicken, aber sicherlich heiter lächeln können. Es ist
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das Antlitz einer echten und edeln deutschen Frau, und ganz Frau ist Th. Justus auch in ihren Dichtungen. Zwar von der großen Liebe, vom leidenschaftlichen Zug zweier Herzen zueinander erzählt sie in keiner darunter; dies Bedürfnis des menschlichen Herzens tritt überhaupt in geringem Grade hervor, und wo es geschieht, als warme Neigung ohne Überschwang, die über den Widerstand der Welt und der Dinge hinweg, oft nach langen Jahren, einen freundlichen Ausgang nimmt. Wenn die Verbindung künftiger Eheleute auf so geschäftsmäßige Weise zu stande zu kommen droht, wie in der Geschichte „Durch Trübsal“, wo der Tod der Braut das Unglück verheißende Verhältnis löst, hat man das nicht auf Rechnung der Erzählerin zu setzen. Sie ist Realistin und weiß, wie manche Lebenslage an sich wackere Eheleute zu so nüchternem Eingreifen in die Herzensregung des Kindes vermögen kann; auch diese vernunftgemäße, nie niedrige Seite ihrer Wesensart gehört zum Bild der Menschen, die Th. Justus dem Leser in jeder charakteristischen Handlung vertraut machen will. Bedächtig und wohlüberlegt sind diese gelassenen Leute, das impulsive Vorgehen ist ihre Sache nicht, aber sie erfreuen in ihrer Festigkeit und Tüchtigkeit. Eine Erzählung wie „Ruhig Blut“ — gleich der erwähnten in der Sammlung „Auf heimischer Erde“ — zeigt uns, daß keineswegs der widrige Unfehlbarkeitsdünkel im Spiel sein muß; die tätige und aufrechte, dabei ein wenig selbstgerechte Becka Behns bekennt ihrem Verlobten Menno Depke, mit dem sie sich nach langer Trennung wiederum zusammenfindet: „es hat wohl so kommen müssen, daß wir beide erst einmal ein bißchen kurz und klein gemacht wurden und unseren Nacken beugen lernten.“ Die Seligkeit der fortreißenden Liebe hat in Th. Justus, wir sehen es, keine
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leidenschaftlich überzeugte Fürsprecherin gefunden. Aber Glück und Leid der Familie zeichnet sie immer wieder mit satten und prächtigen Farben, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern erregt ihren Anteil über alles und reizt sie zu unermüdlicher Darstellung. Das Dasein der Menschen an der Küste birgt mehr als das anderer die Sorge um Gatten und Sohn, die draußen sind oft für Jahre und leicht draußen bleiben. Zu dieser Sorge tritt das allgemeine Menschenschicksal mit seinem Zwiespalt und Widerstreit. In der prächtigen Erzählung „Unter schlichten Leuten“ — der dritten der Sammlung „Am Küstensaum“ — ist ein solches Familienbild aufgerollt, das die Begabung der Dichterin ins hellste Licht rückt und die stärkste Richtung ihres Wesens deutlich sichtbar macht. Frau Wehrkamp, die früh den Gatten verloren, muß ihren Sohn Heinrich an das Seeleben hingeben und mit dem kränkelnden Töchterchen in bedrängter Lage zurückbleiben. Sie gewinnt die Neigung ihres Hausherrn, eines wohlhabenden, unschuldig durch einen Verdacht belasteten und vereinsamten Bauern und reicht ihm vertrauend ihre Hand. Darum aber wendet sich der Sohn von ihr ab, er will aus der Ferne nicht mehr heimkehren und verhärtet sich gegen die Mutter, der auch die kleine Tochter entrissen wird und die nun alle mütterliche Liebe und Sehnsucht in sich verschließen muß, bis nach Jahren inneren Entbehrens der gereifte Heinrich zu ihr und dem zweiten Vater zurückkommt, für dessen Schuldlosigkeit er den Beweis mitbringt. Neben diesen Hauptpersonen tritt Frau Scholl hervor, die Hausgenossin und treue Helferin der Familie Wehrkamp, eine alte wunderliche Frau ohne Verwandtschaft und andere Freunde; sie muß einen Menschen haben, für den sie sich mühen kann, und so wendet sie, nachdem die enge Gemeinschaft
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mit jenen ein Ende genommen, ihr Liebesbedürfnis einem hilflosen, halb kindischen Greise zu. „Ist das denn nun nicht das größte Glück für mich, daß ich wieder jemand habe, für den ich sorgen kann?“ Es ist das im Besten lebendige Gefühl der Frau, das hier spricht. Solche Gestalten, ein wenig sonderlich, ein wenig linkisch und grundgut, hat Wilhelm Raabe, mit dem unsere Dichterin die Neigung zu den kleinen Leuten teilt, geschaffen — freilich mit einem anderen Reichtum an Farben und einer Kraft der Komik, von der Th. Justus wenig hat, wenn sie sich gelegentlich auch an einer geeigneten Person vergnüglich zu ergötzen vermag und ihre Welt auf ihre Art mit einem feinen, liebevollen Humor überschaut.
Der bittere Kampf ums äußere Leben, die Entbehrung, das Sorgen um die fernab unter steter Gefahr Tätigen sind das Vorherrschende in dieser Welt. In welche Versuchung da der Beste gedrängt werden kann, lehrt die (bei Reclam erschienene) treffliche Strandgeschichte „In Sturm und Wetter“, in der ein redlicher Inselbewohner aus der bedrohlichen Anfechtung nur durch eine glückliche Fügung hervorgeht, ohne schuldig geworden zu sein. Das leitet uns zu Erzählungen, in denen mit zu großem Optimismus die Kämpfe und Konflikte friedlich und alle Teile beglückend abschließen, wie sie das Leben viel eher mit schrillem Mißklang zu tragischem Ende führt, zur Katastrophe oder zur Entsagung, die keine Freude mehr rein zu genießen vermag. Aber daß sie auch der ernsten Notwendigkeit nicht ausweicht, daß sie für den unversöhnlichen Zwiespalt, der Mensch dem Menschen gegenüberstellt, wo er hinkommt, mit seiner Qual, keine unwahrscheinliche Versöhnung erstrebt, das lassen bestimmte Erzählungen von Th. Justus unzweifelhaft erkennen. So „Wider einander“ (Ulr. Meyers
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Bücherei, No. 13), worin sie mit Glück in vergangene Zeiten zurückgreift, die den Gutsherren ein uns unbegreiflich dünkendes Recht über die Eigenbehörigen einräumten. Das Elend, das aus dem Mißbrauche dieser fast schrankenlosen Macht für die rechtlosen, geknechteten Bauern hervorging, ihre fruchtlose und doch immer erneute Auflehnung gegen den drückenden Zwang sind hier geschildert ohne Ausschmückung, die allzu Herbes zu mildern und zu beschönigen sucht; wir sehen das Glück einer kleinen Familie durch brutale Übergriffe zerstört, wir fühlen allerdings auch, daß die Dichterin im Herzen auf der Seite des hochgesinnten jungen Fürsten steht, der in seinem Bemühen, der offenbaren Ungerechtigkeit Einhalt zu tun, auf den lauten und mehr noch auf den schweigenden, zähen Widerstand des Adels stößt und nur in seinem greisen Erzieher, einem wahrhaften Edelmann, der gleichen Anschauung begegnet. Doch auch was zu optimistisch an Th. Justus anmutet, berührt niemals unwahr, sondern als die Kehrseite des edelsten menschlichen Empfindens, das sich vom trüben Hintergrunde des Kämpfens und Leidens mit warmem Glanze abhebt, als die Kehrseite der nie versiegenden Hilfsbereitschaft, die sich des bedrängten Nächsten annimmt und die grellste Not abhält, und des tiefen Anteils an fremdem Seelenleid. Wie der Strahl der sorgenden Liebe verklärend in die fast zur Hoffnungslosigkeit gewordene Verdüsterung fällt, wie ein wundes, in sich zurückgedrängtes Gemüt unter herzlichem Verstehen sich leise wiederum zur belebenden Freudigkeit entfaltet — einer solchen Entwicklung liebt Th. Justus nachzugehen mit dem echten weiblichen Mitgefühl, das instinktiv das Rätsel des von schwerer Last bedrückten Herzens löst und weiß, was mildert und heilt. So schön wie in „Unter schlichten Leuten“ bewährt sich diese Fähigkeit bei-
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spielsweise in „Aus mit der Ebbe — heim mit der Flut!“ (gleichfalls in „Am Küstensaum“). Inmitten des sich zäh in alter Sinnesweise und Sitte behauptenden ostfriesischen Menschenschlages konnte der Betrachterin nicht entgehen, welchen Anteil an manchem schweren Leide das Vorurteil, das starre Festhalten an der Gewöhnung, am Hergebrachten hat. Schildert sie gern und aus reicher Anschauung den pietätvoll bewahrten Brauch des Landes, so lehnt sich alles in ihr auf gegen seine Abart, wo sie diese als Quell so hart treffenden Unrechts erkennt; aber sie wendet sich nicht dagegen mit lautem Scheltwort, sondern gleichsam durch Übung des Bessern; sie vergütet die Ungerechtigkeit durch die reine Menschlichkeit der nicht der allgemeinen Anschauung, sondern ihrer inneren Stimme folgenden Frau. Das Vorwort zu der 1890 herausgegebenen Sammlung „Am Küstensaum“ gibt mit einfachen Worten Kunde von ihrer Grundüberzeugung, daß wir im Losmachen vom blinden Vorurteil eine Taufe erleben müssen, die uns die Kraft gibt, uns frei zu fühlen und rechte Menschen zu werden, und davon, daß zu dieser Erkenntnis beizutragen, diese Aufgabe lösen zu helfen der Dichterin als schönste Aufgabe vorschwebt.
Die Gefahren der See und die auf ihre Hemmung gerichteten Arbeiten, die für die Küstenbewohner immerwährend stark hervortreten, sind naturgemäß auch für Th. Justus ein Gegenstand des lebhaftesten Interesses. Vielfach schildert sie den Deichbau, der die Marschen schützend umgeben, die wilde Nordsee zurückdrängen soll; er ist sehr wichtig, denn eng ist das Geschick der Menschen mit den Tücken der Elemente verknüpft, und eine Sturmflut kann unendliches Glück und Gut hinabschlingen, schlimmer als wenn im Binnenland ein Hagelwetter den Bauer um eine
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Ernte bringt. Die Schutzarbeiten und ihre Fährlichkeiten, ihre Einwirkung auf das Leben der Bewohner darzustellen, ist in der reizvollen geschichtlichen Erzählung „Lawei“ („Auf heimischer Erde“), in der Skizze „Auf dem Watt“ („Strandgeschichten“, bei Reclam) ausgezeichnet gelungen; es zwingt uns in der zweiten zum Folgen mit allen Sinnen, wie da neun wetterharte Männer mit genauer Not dem Schicksal entgehen, „in Gottes Sarg“ gebettet zu werden. Diese und ähnliche Erzählungen sind nie auf die bloße Spannung berechnet, sie werden immer durch die schlichte Kunst der Dichterin auf eine höhere Stufe der Darstellung als die bloße Schilderung gehoben; und diese Kunst weiß uns fortzureißen, wenn sie, wie in „Aus mit der Ebbe — heim mit der Flut!“, das tragische Ende eines jungen Menschen auf dem trügerischen Watt miterleben läßt, das so ergreifend auf den sich schuldig wähnenden Freund zurückwirkt. Es ist das Schicksal, das auch manchem Sohn der Küste bereitet wird, wenn sein Beruf ihn aufs Meer hinausführt, das so schmeichelnd laden, aber auch furchtbar tobend sein Opfer fordern kann, am Küstensaum wie auf der uferlosen Fläche. Dann bleibt wohl eine Kammer leer, die sorglich für den Heimkehrenden zugerichtet war, und eine frohe Hoffnung flackert unsicher auf und erlischt endlich. Das aber ist nicht die Sache von Frau Ahlke Tetens, die im Vordergrund unserer Erzählung „Geleite, die draußen sind!“ steht. Ihre Hoffnung auf die Heimkehr des einzigen Sohnes, den sonst keiner mehr erwartet, bleibt wach, ihre rührende Zuversicht ungemindert, und der Zweifel bedrängt sie erst, als das Gericht den Fernen für tot erklärt hat und der Pastor ihn nicht fürderhin ins Gebet für die Männer, „die draußen sind“, einschließen will; doch nachdem dem Geistlichen die Mutter genommen worden, erlebt sie noch die
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erschütternde Freude, den Namen des Sohnes wieder in der Kirche zu vernehmen, und von diesem Höhepunkt ruft sie der Tod ab. Wie unscheinbar das alles, und doch mit welcher Liebe ist es durchtränkt, wieviel Poesie hat die Dichterin diesem einfachen und hundertfältig wiederkehrenden Geschehen abzugewinnen gewußt! Gegenüber der Gemütskraft dieser knappen Geschichte drängt sich unwillkürlich das Wort Goethes auf, das Th. Justus der Erzählung „Unter schlichten Leuten“ vorangestellt hat: „In dieser Armut, welche Fülle!“ Die Erzählung bezeichnet naturgemäß nicht die ganze Dichterin, zu ihr wird den Weg finden, wen dies Büchlein danach verlangen läßt, sich in Th. Justus eine liebe und willkommene Hausfreundin zu gewinnen. Zu ihren ergreifendsten und schönsten Erzählungen aber gehört „Geleite, die draußen sind!“ Auch R. M. Werner hat so empfunden und einen großen Teil seiner Studie dieser Geschichte gewidmet, indem er hervorhebt, wie ihre Verfasserin „vom Nächstliegenden ausgeht und mitten ins Herz tiefster, gefühltester Poesie gelangt“, und wie sie verborgene Poesie frei zu machen weiß. Diese köstliche Gabe offenbart sich in der Tat in dem kleinen Hohelied auf die vertrauende Mutterliebe mit seltener Reinheit und Schönheit, und gewiß wird es den Kreis derer vergrößern helfen, die sich viele der schlichten und innigen Erzählungen von Th. Justus dankbar zu eigen machen.
Weimar, November 1905.
Friedrich Bernt.
Die Erzählung
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In dem kleinen Hafenorte am Ufer eines der größeren Ströme, welche ihre Wellen der Nordsee zuführen, hatten alle Schiffe zu Ehren des Sonntags geflaggt und überall, am Bord wie am Lande, ruhte die Arbeit. Während der verflossenen Woche war es um so lebhafter zugegangen; den ganzen Tag über hatte das Klopfen und Hämmern so wenig aufgehört wie das Kreischen und Knarren der Kräne, welche die für die Schiffe bestimmte Ladung hoben und mit rascher Wendung des Hebelarmes in den zur Verstauung dienenden Raum hinunterließen. Denn seit das Eis des Stromes aufgebrochen war, rüsteten all die verschiedenen Fahrzeuge, groß und klein, welche diesmal ungewöhnlich lange im Winterquartier hatten festliegen müssen, schleunigst zur Abreise, da sonst das Geld der Reeder ein totes Kapital bedeutete. Nach alter frommer Sitte hielten die im Orte oder in der Umgegend ansässigen „Fahrensleute“ zuvor noch ihren Kirchgang, um — vielleicht zum letztenmal für lange Zeit — im Verein mit Verwandten und Gefreundeten einem Gemeindegottesdienst beizuwohnen. Auf Wegen und Stegen lag der helle Märzsonnenschein, im frischen Winde flatterten lustig die Flaggen und Wimpel, und hoch oben im blauen Himmel sangen die Lerchen einen
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Jubelchor. Dagegen zeigten die Gesichter der Kirchgänger — Männer wie Frauen — den Ausdruck stillen, gefaßten Ernstes. Den meisten von ihnen stand ja für die nächste Zeit ein schwerer Abschied bevor — ein Abschied, dem zwar langjährige Gewohnheit viel von seinem Stachel genommen hatte, der aber immerhin bei jeder Wiederholung bang und beklemmend auf den Herzen der Fortgehenden wie der Zurückbleibenden lastete.
Eine kleine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei erwachsenen Söhnen — die beiden letzteren in seemännischer Kleidung —, schritt eben an einem sauberen, mit kleinem Vorgarten versehenen Häuschen vorüber, als dessen Haustür sich langsam öffnete und eine alte Frau in tadelloser schwarzer „Kirchgangskleidung“ heraustrat. Das runzlige Gesicht ward umrahmt von einer feingefältelten weißen Krause, die sich an die schwarze Witwenhaube legte und nur wenig von dem Silberhaar sichtbar werden ließ. Ihre Gestalt trug die Greisin noch vollkommen aufrecht, nur die Hand, mit der sie, sich umwendend, die Tür des Häuschens schloß, zitterte leicht — ein Zeichen, daß ihre Kraft doch nicht mehr ganz ungebrochen war.
„Gehst wohl auch zur Kirche, Ahlke?“ redete von den Vorübergehenden das Familienhaupt sie an, indem eine Bewegung seines Kopfes auf das Gesangbuch deutete, das sie samt dem sehr schmal zusammengefalteten weißen Taschentuch und einem „Rukelbusch“ von Krauseminzstengeln in ihrer Linken trug.
„Ja, natürlich!“ lautete die Antwort, „und ihr alle ebenso? Ja, kann mir’s denken! Und die beiden Jungens gehen morgen auf die Fahrt? — Ach Gott, ’s ist schwer, ’s ist schwer!“ fuhr sie, der kleinen Gesellschaft sich an-
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schließend, mehr zu sich selbst als zu den andern sprechend, fort, „grade so ’n heller Sonntag war’s, grade so, den Tag vorher, ehe mein Folkert wegging.“
„Kinder,“ fiel hier Jasper Hinrichs, der Vater, rasch ein, „wir dürfen uns aber ja nicht aufhalten! Gleich hat’s ausgeläutet, und der Pastor kann’s gar nicht leiden, daß man kommt, wenn der Gesang schon angestimmt ist.“
„’s ist doch eigentlich was Schreckliches mit dieser Glocke!“ nahm der ältere der beiden Söhne, offenbar in der Absicht, den Vater zu unterstützen und die alte Frau von der Erinnerung an ihren Sohn abzulenken, das Wort. „Keine einzige Gemeinde in der ganzen Gegend hat solch ’ne elende Bimmelei wie wir. Schämen müssen wir uns, daß wir es immer noch nicht zu einem ordentlichen Kirchengeläut gebracht haben!“
„Das sagte Folkert ja auch immer,“ bestätigte die alte Frau mit einem Kopfnicken. „Jedesmal, so oft die Rede darauf kam, erklärte er: ‚Mutter, sowie ich nur erst Steuermann bin, lege ich von jeder Reise eine oder zwei Monatsheuern zurück und ein paar von meinen Kameraden wollen das auch. Dann müßt’ es doch wunderlich zugehen, wenn wir nicht bald soviel zusammen hätten, wie ’ne Glocke kostet.‘ Ja, so sagte er immer, und ganz sicher wird er sein Wort auch noch wahr machen. Denn wenn ich jetzt auch lange nichts von ihm gehört habe — einmal muß er doch ja wiederkommen!“
Man hatte unter diesen Worten die Kirchtür erreicht und trat nun ein in das Gotteshaus. Rechts in dem Chorgestühl nahmen nach alter Sitte die Frauen ihre Plätze ein, links die Männer. Die Orgel ging nach kurzem Vorspiel über in die Melodie: „Freu’ dich sehr, o meine Seele.“ Die Gemeinde aber wußte sehr wohl, daß heute
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kein Freudengesang gesungen wurde, sondern dasjenige Lied, welches jedem ihrer Mitglieder unter der Bezeichnung: „Matrosenabschied“ bekannt und vertraut war und in welchem es hieß:
„Herr, zu dessen Preis und Ehre
Jeder Tropfen Wassers rinnt,
Starker Gott, dem Wind und Meere,
Blitz und Sturm gehorsam sind,
Nimm in deine treue Hut
Leib und Seele, Schiff und Gut,
Ja, du selber wollst zum Segen
Deine Hand ans Ruder legen.“
In jedem Frühjahr, wenn die Schiffahrt wieder eröffnet wurde, fand ein Gottesdienst statt, der ausschließlich auf die Empfindungen der Hinausziehenden und der Zurückbleibenden Bezug nahm, und grade an diesem Sonntage durfte niemals jenes alte Lied fehlen, das allen so herzbewegend und zugleich so trostvoll war. Einmal, als der alte Pastor Lindemann krank darniederlag und statt seiner ein Kandidat predigte, war statt dieses Liedes ein anderes zum Gesang aufgesetzt worden, das anhob: „Höchster Helfer, sei nicht ferne!“ Mit dieser Neuerung aber waren die Leute sehr wenig zufrieden gewesen. Wenn an dem Sonntage nicht Matrosenabschied gesungen werde, dann sei es nichts, und von Erbauung könne gar keine Rede sein.
Heute wurde nun das altvertraute Lied mit all seinen Strophen andachtsvoll gesungen. Auch der Predigt, die schlicht und herzlich die Bedeutung des heutigen Tages hervorhob, folgte man mit mehr Aufmerksamkeit und Hingabe, als es sonst wohl der Fall war. An sie reihte sich das übliche Kirchengebet, das der würdige alte Geistliche,
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wie immer, aus der Agende ablas und dem die Gemeinde mit dem gewöhnlichen, halb gedankenlosen Ernst zuhörte. Belebter und gespannter dagegen wurden alle Gesichtszüge, als der Pastor nun die Agende schloß und, von neuem die Hände faltend, fortfuhr: „Und jetzt, o Herr, flehen wir dich an: geleite alle, die draußen sind! Insonderheit erbitten wir deinen gnädigen Schutz für einen Junggesellen nach Ostindien, einen Kapitän und zwei Mitbrüder nach Newyork, einen Kapitän nach Galveston, einen Junggesellen nach Rio und einen Mitbruder nach Sidney. Führe sie sicher durch Sturm und Wogendrang und laß sie nach deiner Gnade in Gesundheit den heimischen Hafen erreichen. Amen!“
Diese Fürbitte war das eigentliche Ereignis jedes Sonntags-Gottesdienstes und ihre Form eine unveränderlich feststehende. Die Kapitäne erhielten ein für allemal ihren Titel, die verheirateten Matrosen und Steuerleute waren die „Mitbrüder“, die unverheirateten Voll- und Leichtmatrosen die „Junggesellen“. Der „Junggesell nach Ostindien“ aber war der Sohn von Frau Ahlke Tetens und stand nun schon seit vier Jahren voran auf der Liste derer, für welche das Kirchengebet gesprochen ward. Die alte Frau nickte befriedigt, wie immer, wenn vor der ganzen Gemeinde die Fürbitte für ihren Einzigen erklang; sie merkte es auch nicht, daß die ihr zunächst Sitzenden mitleidsvoll und mit leisem Kopfschütteln auf sie blickten. Es gab in der ganzen Versammlung keinen, der auch nur entfernt der Möglichkeit Raum gelassen hätte, daß Folkert Tetens noch am Leben sei und jemals wiederkehren könne. Nur die Mutter hielt unverbrüchlich an diesem Glauben und dieser Hoffnung fest. Für sie hieß es nur, Geduld haben bis zu dem Augenblicke, der ja irgend einmal kommen
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mußte, da der Sohn wieder vor sie hintreten und sie ihn in ihre Arme schließen würde. — „Sie erfährt es noch früh genug,“ sagten die Leute dann unter sich; „ihr diese Zuversicht zu nehmen — nein, das brächte man ja nicht übers Herz! Und möglich wär’ es ja auch immer noch, daß sie darüber wegstürbe, ehe sie die Wahrheit erführe.“
„Ich denk’ mir nur immer, lange kann’s ihr nicht mehr verborgen bleiben,“ bemerkte einmal bei einer solchen Gelegenheit Jasper Hinrichs, der ein entfernter Verwandter von Frau Ahlke war. „Klaus Tönjes hat schon zum öfteren gesagt, er müsse sie darum angehen, daß sie mit ihm zusammen die Todeserklärung beantragt. Und wenn man gerecht sein will, muß man’s zugeben: zu verdenken ist’s ihm im Grunde nicht. Er kann nicht eher an die Erbschaft kommen, und bei dem Trupp Kinder, den er hat, wird er sich wohl genug darnach sehnen, daß er sich ein bißchen freier regen kann.“
Klaus Tönjes war der Schwiegersohn der alten Ahlke Tetens. Er hatte in erster Ehe ihre einzige Tochter zur Frau gehabt; aber gleich im ersten Wochenbett war sie gestorben, und schon am nächsten Tage hatte man das Kind, das nur wenige Stunden geatmet, zu ihr in den Sarg gelegt. „Von dessentwegen“ hatte also der Schwiegersohn, wie Frau Ahlke meinte, gar nicht nötig gehabt, sich wieder zu verheiraten. Ja, wenn ein Haufe Kinder dagewesen wäre — dann freilich hätte wieder eine Frau ins Haus gemußt, aber so! Sie für ihr Teil sehe die Notwendigkeit durchaus nicht ein. Sei der Schwiegersohn auf See, so habe er ja an Bord von selbst alles, was er bedürfe, und in den Zeiten, wo er sich an Land aufhalte, habe sie, Frau Ahlke, ganz gut für ihn sorgen wollen. Klaus
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Tönjes indes mußte, was Ehestand und Häuslichkeit betraf, doch wohl seine eigenen Ansichten gehabt haben, denn nach Jahresfrist trat er zum zweitenmal vor den Traualtar. Die Tatsache an sich wäre schon für Frau Ahlke schwer zu überwinden gewesen. Außerdem hatte aber auch die junge Frau ihren Beifall nicht. „Sie ist mir zu foß“ (derb, kurz angebunden), erklärte sie, „und zu resolviert, gar nicht wie meine Stina.“ Es kam dann aber doch eine Zeit, in der sie, wennschon halb widerwillig, anerkennen mußte, daß das kräftige und resolute Wesen der jungen Frau immerhin sein Gutes habe, und das war, als Klaus Tönjes, nachdem sich schon das Haus mit einer ganzen Kinderschar gefüllt, durch einen Sturz von der Raa herab sich den Fuß gebrochen hatte und, da derselbe schief wieder angeheilt war, zur ferneren Ausübung seines Berufes untüchtig ward. Er hatte nun, um für sich und die Seinigen Brot zu schaffen, das Gewerbe eines „Sjouvermanns“¹ ergriffen, das heißt, er war eingetreten bei denen, welche das Be- und Entladen der Schiffe, sowie das Verstauen der Ladung besorgten. Denn all diese Obliegenheiten fallen niemals der eigentlichen Schiffsmannschaft, sondern stets der genannten Arbeitergilde zu. Allein da es bei diesem Geschäft nicht unausgesetzt Arbeit gab, so war der Verdienst knapp, und es konnte nicht ausbleiben, daß die Augen des geplagten Familienvaters sich sehnsüchtig auf das kleine Erbteil richteten, das ihm in näherer oder fernerer Zeit notwendig einmal zufallen mußte. Vor langen Jahren nämlich hatte ein Onkel seiner verstorbenen Frau diese seine Nichte und ihren Bruder Folkert zu Erben seines kleinen Bauernhofes eingesetzt, mit der Bestimmung jedoch, daß die Erbteilung nicht eher als nach Folkerts Groß-
¹ Sprich: Schauermann. Das Wort ist holländischen Ursprungs.
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jährigkeit erfolgen, bis dahin aber der Hof für Rechnung beider Interessenten verwaltet werden solle. Er hatte durch diese Anordnung dem Neffen freie Hand lassen wollen, das Gütchen selbst zu bewirtschaften, falls er etwa bis zu dem in Aussicht genommenen Zeitpunkt des Seemannslebens überdrüssig sein werde. Allein grade ein Jahr, bevor er mündig ward, hatte Folkert jene Reise nach Ostindien angetreten, von der er bis soweit nicht zurückgekehrt war. Die Einkünfte der kleinen Besitzung waren inzwischen aufgesammelt worden, und Klaus Tönjes, der mit seiner verstorbenen Frau in Gütergemeinschaft gelebt hatte, war derjenige, dem die Hälfte des ganzen Erbteils zukam — nur leider, daß er an dasselbe nicht gelangen konnte, so lange über den Verbleib des Schwagers alle und jede Nachricht fehlte.
Am Nachmittage eben des Sonntags, mit welchem unsre Geschichte anhebt, sah seine Schwiegermutter ihn auf ihr Häuschen zukommen. Das war nun an und für sich nicht gerade etwas so Seltenes, denn man mußte es Klaus Tönjes lassen: so wenig umgänglich er sonst in seinem Wesen war und so rauh er sich gab, gegen die alte Frau hatte er noch niemals etwas versehen, ihr gegenüber zeigte er vielmehr eine Rücksicht, deren sich sonst niemand in seiner Umgebung rühmen konnte. Merkwürdigerweise aber machte das auf Frau Ahlke nicht den geringsten Eindruck, sie ihrerseits begegnete vielmehr dem Schwiegersohne meistens ziemlich herb und schroff. Fast schien es, als hätte im Lauf der Jahre seine Frau noch mehr Gnade vor ihren Augen gefunden als er selbst. Auch heute setzte sie sich gewissermaßen in Positur, als sie ihn den Weg nach ihrem Hause einschlagen sah. Es fuhr ihr durch den Kopf, er werde wieder einmal in sie dringen wollen, sie möge nicht
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länger so allein hausen wie bisher, sondern irgend eine jüngere Person zu sich nehmen, der sie die Arbeit übertragen und von der sie sich pflegen lassen könne. Solch ein Ansinnen war aber gradezu lächerlich! Wenn sie nicht mehr arbeiten solle, hatte sie schon zu wiederholten Malen ihm und auch anderen erklärt, könne man sie nur gleich nach dem Kirchhof bringen. Und etwas Schrecklicheres, als sich „pflegen“, das heißt: sich angucken und ausfragen zu lassen, könne sie sich schlechterdings nicht vorstellen. Also über den Punkt könne sich der Schwiegersohn jedes Wort sparen! — Sie war auch heute entschlossen, fest entschlossen, ihn wiederum gerade so „ablaufen“ zu lassen wie sonst. Allein Klaus Tönjes’ Gedanken richteten sich heute auf ganz andere Dinge, als auf eine Gesellschafterin oder Pflegerin. Nach einigen einleitenden Redensarten, die dem Wetter und dem Wiederbeginn der Frühjahrsarbeiten galten, hob er, wie mit einem gewaltsamen Anlauf, an: „Mutter, ich möcht’ etwas mit Euch besprechen — legt mir’s ja nicht übel aus! Es ist keine Grappsigkeit (Habsucht) von mir, aber Ihr könnt mir’s glauben — es wächst mir über den Kopf — die Ausgaben mit all den Jungens sind gar nicht mehr zu erschwingen, und mit meiner Gesundheit ist es nun doch einmal so, so! Und darum hab’ ich’s mir von allen Seiten überlegt — es geht wirklich nicht anders — ich kann sonst nicht an das Erbe kommen, das mir doch von Rechts wegen zusteht — und darum müssen wir doch — bei Gericht die Erklärung beantragen.“
„Was für ’ne Erklärung?“ fragte die alte Frau, ihn mit großen Augen ansehend.
„Die — o, ich meine nur so — es hat ja weiter gar nichts auf sich — und darum stirbt auch kein Mensch,
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wenn er sonst nur noch lebt — aber es — es muß doch wohl die Todeserklärung beantragt werden.“
„Die Todeserklärung!“ Weiter sagte die alte Frau nichts, aber ein so abgrundtiefer Schmerz lag in dem einen Wort, daß Klaus Tönjes, der sonst nicht eben zu den Rührsamen gehörte, sich mit dem Rücken seiner rauhen, hornigen Hand über die Augen fuhr und dann so angelegentlich durch das Fenster und in den kleinen Vorgarten hinaussah, als wären ihm noch nie im Leben gelbe Osterblumen und blaue Perlhyazinthen zu Gesicht gekommen.
Einige Minuten hindurch vernahm man in dem kleinen Zimmer nichts als das Ticken der alten Schwarzwälderuhr. Endlich hob Frau Ahlke wieder an — und man hörte deutlich, wie sie sich bemühte, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken —: „Wenn er nun aber von Gerichts wegen für tot erklärt wird und doch noch wiederkommt — was ich fest glaube — wie wird’s dann?“
„Dann ist ja alles in Ordnung, Mutter, und alles gut. Was von der Erbschaft auf sein Teil kommt, das wird ja Euch überwiesen und Ihr hebt’s ihm auf. Das hat weiter ganz und gar keine Schwierigkeit.“
„Ist das gewiß wahr?“ fragte sie mißtrauisch.
„Ganz gewiß wahr!“ bekräftigte er. „Fragt Advokaten soviel Ihr wollt — jeder wird Euch genau dasselbe sagen.“
Frau Ahlke machte eine geringschätzige Bewegung mit dem Kopfe. „Mit Advokaten hab’ ich nichts im Sinn, ganz und gar nichts! ‚Je gelehrter, je verkehrter!‘ sagte meine Mutter immer, und all mein Lebtag hab’ ich das bestätigt gefunden. Nein, wen ich fragen möchte, das wäre der alte Rechnungssteller Rahmann, der steckt alle Advo-
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katen, so viele ihrer sind, in den Sack. Mit Rahmann will ich sprechen, und dann sollst du Bescheid haben.“
— Die Auskunft Rahmanns mußte wohl in dem von Tönjes vorausgesetzten Sinne ausgefallen sein. Am andern Nachmittage erschien die alte Frau, mit ihrem schwarzen Kirchgangskleide angetan, im Hause des Schwiegersohnes und erklärte, nachdem man sie zum Sitzen genötigt, mit einer gewissen Feierlichkeit: da Folkerts Geld ihr zufallen werde, — „zur Aufbewahrung“, wie sie hervorhob — so habe sie gegen „die Erklärung“ — sie sagte nicht „Todeserklärung“ — weiter keine Einwendungen zu machen. Sie sah dabei so bleich und verfallen aus, daß Klaus Tönjes und seine Frau auf einmal von tiefem Mitleid erfüllt wurden und sich selber ganz schuldbewußt vorkamen. Alle Aufforderungen zu längerem Bleiben lehnte sie ab. Die Schwiegertochter langte in Hast die Kaffeemühle vom Sims herab und versprach einen extra guten Kaffee herzustellen. Frau Ahlke aber erklärte, sie habe bereits getrunken und außerdem — es möge mit ihrem Magen wohl nicht ganz in Ordnung sein, denn Appetit zum Essen und Trinken habe sie gar nicht. Das komme ja wohl von diesem unnatürlich warmen Wetter, und dabei wischte sie mit dem weißen Taschentuch, das sie heute wie beim Kirchgang mit sich führte, über das faltenreiche blasse Gesicht.
Am folgenden Morgen machte sich Mine, die Schwiegertochter, von innerer Unruhe getrieben, schon zeitig auf den Weg, um nach ihr zu sehen. „Ich weiß nicht,“ äußerte sie nachher gegen ihren Mann, „die Alte gefällt mir gar nicht! Krank kann man sie grade nicht nennen, aber — ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll, sie ist ganz anders als sonst, eigentlich gar nicht wiederzuerkennen!“
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Jawohl, sie hatte recht: anders, ganz anders als sonst war die alte Frau geworden! Es schien, als sei sie gebrochen in ihrem innersten Lebensmut. Während sie früher stets noch rüstig in ihrem kleinen Haushalt, im Garten und am Spinnrade geschafft hatte, schien ihr jetzt auf einmal jede Arbeit lästig zu sein. Stundenlang konnte sie mit aufgestütztem Kopfe dasitzen und still vor sich hinbrüten. Mit dem Vorschlage, sie möge jemand zu sich ins Haus nehmen, wagten nach den früheren Erfahrungen Klaus Tönjes und seine Frau ihr nicht von neuem zu kommen. Um so überraschter war daher der Schwiegersohn, als sie eines Tages, da er zur Dämmerzeit auf eine Weile bei ihr einkehrte, die Frage an ihn stellte, ob es sich möglich machen lasse, daß seine Alma, die er ihr ja früher schon einmal angeboten habe, zu ihr komme. Sie fühle sich jetzt oft so müde, daß sie einsehe, es sei besser, wenn eine jüngere Kraft ihr die Arbeit abnehme, wenigstens dann, wenn sie nicht so recht könne. Er sagte auf der Stelle zu, mit dem Bemerken, noch heute solle Heinrich, sein Ältester, an die Schwester schreiben. Ihr Aufenthalt in der Stadt müsse sowieso ein Ende haben, die Sache werde ihm zu teuer, und wenn sie das Putzmachen, das sie nun seit Weihnachten betreibe, noch immer nicht „könne“, dann lerne sie’s überhaupt nicht mehr. Frau Ahlke nickte dazu und erklärte, sie könne ihren ganzen Kram an Band und Blumen und was sonst noch nötig sei, mitbringen und das Geschäft hier fortsetzen. In der Stube gegenüber stehe noch ein Glasschrank; eigentlich gehöre er Folkert, aber vorläufig wolle sie ihn Alma in Gebrauch geben. Zu tun haben müsse sie ja selbstverständlich etwas; das bißchen Hausarbeit lange für zwei nicht und spinnen täten die jungen Dinger von heutzutage ja nicht mehr; bliebe also nur die
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Putzmacherei, in der sie ja wohl hoffentlich so fix sein werde, daß sie auch ohne Lehrmeisterin „ihr Ding“ besorgen könne.
Alma traf denn auch, noch ehe vierzehn Tage vergangen waren, mit einer neumodisch hohen Frisur, einer gänzlich veränderten Aussprache, bei der unter anderem das G sich ganz und gar in K verwandelt hatte, und einer Unzahl von Pappschachteln, die sie zum Erstaunen ihrer ganzen Familie „Kartons“ nannte, ein. Frau Ahlke sah und hörte das alles mit mißtrauischer Miene an, und es war durchaus ihre alte Weise in dem Tone, mit dem sie am Abend ihrem Schwiegersohn erklärte: wenn sie gewußt hätte, was für „Anstalten“ das alles mit Alma seien, würde sie sich wohl gehütet haben, sie ins Haus zu nehmen. Klaus Tönjes selbst war durchaus nicht erbaut von der Veränderung, die mit seiner Tochter vorgegangen war. Doch bat er, die Großmutter möge einstweilen noch Geduld haben; das Neumodische mit den Haaren und mit dem wunderlichen Sprechen sei ja wohl bei dem Putzgeschäft vermacht. Das werde sich hoffentlich geben, wenn sie nur ’mal erst wieder eine Zeitlang unter „vernünftigen“ Menschen gewesen sei. Lasse sie es aber irgendwie an ihrer Pflicht fehlen und begegne sie der Großmutter nicht, wie es sich gehöre, so werde er ihr einmal zeigen, wie die Harke am Stiel sitze.
Zu klagen hatte jedoch Frau Ahlke des weiteren nicht über die Enkelin. Alma war im Grunde ein gutmütiges Geschöpf und die Albernheiten, die sie sich angewöhnt hatte, gingen nicht tief. Sie sorgte für die alte Frau nach Kräften und ließ sich geduldig von ihr die endlos langen Geschichten aus Folkerts Jugendzeit, von denen sie bald jedes Wort auswendig konnte, erzählen. Daß ihre Gedanken sich dabei viel mehr mit den dicken roten Rosen und den blauen
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Phantasieblumen beschäftigten, mit denen sie in schöner Abwechselung die schwarzen Tüllhauben der Bauernfrauen garnierte, als mit den Lebensschicksalen des verschollenen Onkels, war ihr gewiß nicht übel zu nehmen. Von ihr wie von ihrer Familie so gut wie von der gesamten Einwohnerschaft des Ortes war dieser ja längst zu den Toten gelegt.
Der Sommer und Herbst gingen hin, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte. Ein- oder zweimal hatte sich Frau Ahlke bei ihrem Schwiegersohn erkundigt, ob „die Erklärung“ schon erlassen sei. Er verneinte dann und brachte rasch das Gespräch auf andere Dinge, damit sie nicht plötzlich mit der Frage herausrücken sollte, wann diese denn erfolgen werde. Die Meldungsfrist für den Verschollenen lief zu Ende des Märzmonats ab; die alte Frau aber brauchte so wenig von diesem Termin wie von der darnach erfolgenden Todeserklärung eher etwas zu erfahren, als bis das Gericht die ferneren, wegen der Erbschaftsregulierung nötigen Schritte tat. In dem Kopfe Frau Ahlkes jedoch setzte sich mit der Länge der Zeit immer fester die Vermutung fest, das Gericht habe entweder die Sache „vergessen“ oder ihren Folkert — was ja sehr vernünftig sei — nicht für tot ansehen wollen, und darum werde eine Todeserklärung auch nicht erfolgen. Als sie einmal gegen ihren Vertrauten, Rahmann, mit dieser ihrer Auffassung zutage kam, sah der kluge alte Winkeladvokat sie zuerst in sprachlosem Erstaunen an. Doch stieg ihm sofort die Erkenntnis auf, daß er diesen Glauben zu zerstören nicht berufen sei. Er zog also sein großes seidenes Taschentuch hervor und äußerte, seine Hornbrille blank reibend, in vieldeutigem Tone: „Ja, ja, man kann nicht wissen, wie so etwas zusammenhängt. Bei Gericht kommen oft putzige Sachen vor — ganz putzige Sachen!“ — ein
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Bescheid, mit dem sich denn auch Frau Ahlke vollkommen zufrieden gab.
Im Laufe des Winters starb nach längerem Kränkeln zum allgemeinen Bedauern der Gemeindeglieder der alte Pastor Lindemann, der so lange, lange Jahre hindurch treu seines Seelsorgeramtes gewaltet hatte. Der neue Pastor, der vom Konsistorium hergesetzt wurde, war ein noch ziemlich junger, unverheirateter Mann, der es zwar mit seinem Amte sehr ernst nahm, aber doch in seiner raschen, etwas kurzen Art die Leute hier und da vor den Kopf stieß. Auch meinten sie, er müsse bei der Fürbitte für die Fahrensleute die Namen der Hafenörter durchaus etwas besser aussprechen; denn wenn es für den „täglichen Tag“ auch gut genug sei, „Nju Orlihns“ zu sagen, so gehöre es sich doch, daß man auf der Kanzel „Neu-Orleang“ spreche. Das sei hochdeutsch und mache sich besser. Und auch mit mehreren anderen Namen sei es ganz ebenso. Sankt Helena klinge ja ganz wunderlich, Sankt Helena müsse es heißen.
Der Küster übermittelte dem geistlichen Vorgesetzten, wennschon mit einigem Zögern, diese Ausstellungen seiner seefahrenden Gemeindeglieder, stieß aber dabei anfangs auf entschiedenen Widerstand. Erst wiederholte Vorstellungen vermochten den Pastor davon zu überzeugen, daß die Zuhörer förmlich bekümmert waren über diese Abweichung von dem Althergebrachten und daß der Fürbitte etwas von ihrem weihevollen Charakter verloren ging durch die Neuerung. Seitdem fuhren denn Kapitäne, Mitbrüder und Junggesellen wieder nach Neu-Orleang, Sankt Helena und wohin sie sonst noch, der „richtigen“ Aussprache zufolge, bestimmt sein mochten. Man müsse ja eben dem Eigensinn
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der Leute hie und da ein Zugeständnis machen, äußerte einmal der Pastor achselzuckend gegen einen Amtsbruder.
Vor Frau Ahlkes Augen hatte der junge Geistliche Gnade gefunden, seit er bei seinen Rundbesuchen im Orte auch bei ihr eingekehrt war und sich von ihrem Folkert ein Langes und Breites hatte erzählen lassen. Daß er sich den „richtigen Ausdruck“ angewöhnt hatte, gereichte auch ihr zu großer Befriedigung. Man sehe doch, meinte sie, daß er den besten Willen habe. Nicht einen einzigen Sonntag versäumte sie die Predigt, und wenn deren Gedankengang manchmal etwas zu hoch für sie war, so tröstete sie sich damit, ihr Gehör sei nicht mehr so gut wie in früheren Jahren, und daher komme es, daß sie den neuen nicht so gut verstehe wie den alten Pastor. Es war ihr gar nicht recht, daß im Frühjahr eine hartnäckige Erkältung sie mehrere Wochen lang an das Haus fesselte und der sonntägliche Kirchenbesuch ausfallen mußte. „Wenn nur der Husten nicht wäre, ginge ich doch hin! Aber man stört ja nur andere Leute, wenn man ihnen die Ohren vollhustet; ich hab’ das nie ausstehen können!“ — Alma machte ihr den Vorschlag, sie wolle von der Apotheke Emser Pastillen holen, das sei jetzt das neueste und beste. Aber die Großmutter sagte: „Dummes Zeug! Grade umgekehrt: das alte, was man ausprobiert hat, ist allemal das beste. Heißer Sirup mit Schwefelblumen — wenn das nicht hilft, hilft überhaupt gar nichts!“
Hatte es nun der Sirup oder die milde Frühlingsluft getan — genug, der Husten ließ nach, und an einem der letzten Aprilsonntage konnte sich Frau Ahlke wiederum auf den Gang zur Kirche machen. Alma schloß sich ihr heute nicht an; sie war im elterlichen Hause verlangt worden, da die Mutter Verwandte auf dem Lande be-
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suchen wollte. So wanderte denn die alte Frau allein ihres Weges, hier und da durch ein Kopfnicken oder ein kurz hingeworfenes, aber freundlich gemeintes: „Na, auch wieder da? Das ist recht!“ begrüßt von den übrigen Kirchgängern.
Im Gotteshause war es nicht so voll wie sonst wohl. Viele von den „Fahrensleuten“ waren nach der Winterrast wieder in See gegangen, und schon vor drei Wochen hatte man „Matrosenabschied“ gesungen. Die Predigt aber war heute ganz besonders schön und erbaulich — so wenigstens kam es der größten Mehrheit der Zuhörer und auch Frau Ahlke vor. Denn der Prediger sprach von einem ewigen Wiedersehen, das dereinst diejenigen neu vereinen werde, die sich hier auf Erden geliebt, von dem Hafen, in den einst alle einlaufen würden, möge auch hienieden ihr Lebensschifflein noch so wild von Stürmen hin- und hergeworfen werden. Viele Augen glänzten feucht, und auch Frau Ahlke fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht und faltete dann fester die Hände zusammen — es war doch wunderschön, wie „auserwählt“ der Pastor sprechen konnte! Jetzt folgte das gewohnte Kirchengebet und nun die Fürbitte für die Abwesenden. Da — was war das? Ihr Folkert blieb ja weg, der „Junggesell nach Ostindien“ eröffnete ja nicht wie seit Jahren und Jahren die Reihe derjenigen, für welche des Höchsten Geleit und Beistand angerufen ward! Hatte der Pastor etwa eine andere Ordnung der Dinge eingeführt? Sollte sein Name vielleicht im weiteren Verlauf der Liste oder auch ganz zuletzt kommen? — Aber nein! die Fürbitte war beendigt, und des Junggesellen nach Ostindien war keine Erwähnung geschehen! Wie betäubt saß die alte Frau an ihrem Platze, als könne sie gar nicht fassen, was sie erlebt hat. Erst
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ein Geräusch rings um sie her brachte sie einigermaßen wieder zu sich selbst; die Gemeinde hatte sich erhoben und die Worte des Vaterunser schlugen an ihr Ohr. Da erhob sich auch Frau Ahlke mit zitternden Knien, aber noch ehe das Amen verhallt war, sank sie schwer wieder auf ihren Sitz zurück. Dann wurde der Schlußvers gesungen und der Segen gesprochen, und nach einem letzten stillen Gebet begann der allgemeine Aufbruch. Frau Ahlke blieb zurück; sie konnte so nicht nach Hause gehen, erst mußte sie versuchen, den Pastor zu sprechen, um von ihm Auskunft zu erhalten, was es mit der Fürbitte auf sich habe, ob ein bloßes Vergessen vorliege oder was sonst. Aber eben wurden mehrere Täuflinge in die Kirche hereingetragen und — ja, jetzt fiel es ihr ein — zwei Brautpaare wollten sich ja heute „zusammengeben“ lassen, da war der Pastor zu sehr in Anspruch genommen und konnte ihr nicht Rede stehen. So trat sie denn, traurig den Kopf schüttelnd, als die letzte den Heimweg an. Gut nur, daß sie unterwegs keinem Bekannten mehr begegnete. Sie hatte das Gefühl, als sei ihr eine Demütigung widerfahren, über die sich einstweilen noch nicht sprechen lasse, nicht eher, als bis sie sicher und gewiß erfahre, wie eigentlich die Sache zusammenhänge. Zu Hause vermißte sie schmerzlich die Enkelin, die ihr denn doch — sie merkte das erst jetzt — im Laufe der Zeit lieb geworden war und der sie von ihren Gedanken und Kümmernissen keine vorenthielt. Nun, sie würde ja am Nachmittag wiederkommen. Vielleicht konnte sie dann auch statt ihrer den Gang zum Pastoren machen.
Die alte Frau wärmte sich ihr bereits fertig gemachtes Mittagessen über einem Kohlenbecken und setzte sich, nachdem sie dasselbe, ohne auch nur eine Spur von Appetit zu empfinden, verzehrt hatte, in ihrem großen Lehnstuhl
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zum Schlafen zurecht. Anfangs konnte sie von ihren Gedanken nicht loskommen; allmählich aber wurden ihre Vorstellungen undeutlicher, und als sie endlich die Augen wieder öffnete, ward sie gewahr, daß sie mehrere Stunden geschlafen haben mußte. Wo nur Alma blieb? Sie hatte doch fest versprochen, im Lauf des Nachmittags würde sie sich einmal nach der Großmutter umsehen, damit dieser die Zeit bis zu ihrer endgültigen Rückkehr am Abend nicht allzulang werde. Frau Ahlke bereitete sich ihren Kaffee und setzte sich dann wieder ans Fenster in den warmen Sonnenschein. Auf dem Fensterbrett lagen einige zusammengewickelte Zeitungen; die mußte Malchen Hedenkamp, Almas beste Freundin, unter dem Schiebfenster durch hereingesteckt haben, als sie in der Küche war. Malchen war die Tochter des Gastwirts Hedenkamp in der breiten Straße, und die beiden Mädchen vertieften sich mit unendlichem Eifer in den hauptstädtischen Beobachter, nachdem dieser in der Gaststube die übliche Zeit ausgelegen hatte. Freilich war von dem ganzen Inhalt einzig und allein die „Geschichte“ von Interesse, die „unter dem Striche“ stand, diese dafür aber auch in solchem Grade, daß Alma, wenn sie einmal ausgewesen war, oft schon mit der Frage: „Noch keine Zeitung gekommen?“ über die Schwelle trat. Die alte Frau nahm die mit zahlreichen Bier- und Rotweinflecken bedeckten Blätter vom Fensterbrett, um sie auf das Tischchen zu legen, das Almas Arbeitsgerät trug. Fast nie fiel es ihr ein, auch nur einen flüchtigen Blick auf den Inhalt der Zeitung zu werfen. Warum sie es grade heute tat, hätte sie in keiner Weise anzugeben vermocht; halb gedankenlos irrte ihr Auge über die Zeilen, als es plötzlich wie ein elektrischer Schlag durch ihren Körper ging. Da stand der Name Folkert Tetens
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— es war keine Sinnestäuschung! — vor ihr auf dem Papier. Sie las ihn einmal, zweimal mit stummer Lippenbewegung — sie wiederholte ihn laut und sank dann, bitterlich weinend, die zitternden Hände vor das Gesicht schlagend, auf den nächsten Stuhl. Ihr Folkert war vom Gericht für tot erklärt worden! Jetzt auf einmal wußte sie, weshalb der Pastor nicht mehr für ihn gebetet hatte — was brauchen die Toten noch der Fürbitte? Jetzt war alles unwiderruflich aus und vorbei! Was sie Jahr für Jahr festgehalten mit einer Zähigkeit, die sich durch nichts irremachen ließ, die allen Unwahrscheinlichkeiten standhielt — es war auf einmal vernichtet durch diese wenigen, erbarmungslosen Zeilen! Ach, wäre doch der liebe Gott so gnädig gewesen, sie hinwegzunehmen, bevor sie diesen Tag erlebte, hätte sie doch vor ihrem Sohne hingehen können! — Aber es half ja nun einmal nichts: sie war noch auf der Erde und mußte warten, bis ihr Stündlein kam. Nur was sie vorläufig zu tun hatte, das wußte sie. Sie nahm das weißgrundige geblümte Kattuntuch vom Halse und band ein schwarzes Wollentüchlein um. Dann kramte sie, während langsam Träne um Träne über ihre eingefallenen Wangen niederfloß, in Schrank und Kommode und legte verschiedene Kleidungsstücke zusammen, die Alma gleich heute abend zum alten Färber Wedemeier tragen sollte, damit sie schwarz gefärbt würden.
Als die Enkelin nach Hause kam, fand sie die Großmutter in ihrem Lehnstuhl sitzen, und ihr Gesicht leuchtete förmlich weiß durch die Dunkelheit.
„Großmutter!“ rief sie voll Schreck und Sorge, „bist du krank?“
Die Greisin schüttelte den Kopf. „Nein, mir fehlt nichts, aber mein Folkert ist tot.“
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„Ist Nachricht gekommen?“ fragte Alma bestürzt.
„Da, in der Zeitung steht’s!“ und sie deutete mit dem Finger auf das vor ihr liegende Blatt.
„O, in der Zeitung . . .!“ Alma vollendete nicht. Sie sowohl wie ihr Vater und all die anderen Bekannten hatten schon vor zehn oder zwölf Tagen die längst erwartete Todeserklärung gelesen, und das betreffende Blatt war sorglich vor der alten Frau verborgen worden. Darauf, daß die Bekanntmachung noch einmal erfolgen werde, hatte niemand gerechnet, und so waren nach dieser Seite auch keine Vorsichtsmaßregeln getroffen worden.
„Sie haben mir früher alle eingeredet,“ hob die Greisin wieder an, „es wäre damit, daß das Gericht ihn für tot erklärte, noch gar nicht gesagt, daß er nun auch wirklich tot sein müßte. Aber daß der Pastor nicht mehr für ihn gebetet hat, beweist doch deutlich genug, daß irgend jemand bestimmte Nachricht bekommen hat. Man hat mir’s vielleicht nicht so ganz gradezu sagen wollen, aber jetzt kann’s mir niemand mehr einreden, daß er doch vielleicht noch am Leben wäre.“
Alma hätte so gern noch ihren Vater geholt, damit dieser der Großmutter vernünftig auseinandersetze, daß keinerlei bestimmte Kunde eingelaufen sei. Aber für heute abend war es schon zu spät, sie mußte notgedrungen ihr Vorhaben auf morgen verschieben. Aber was andern Tages Klaus Tönjes auch an Zureden und Widerlegungsversuchen aufbringen mochte — es blieb alles nutzlos und eindruckslos. Die Greisin beharrte dabei, man versuche jetzt nur, „ihr etwas vorzumachen“, sie wisse aber ganz klar, was sie sich zu denken habe. Auch an den folgenden Tagen, wenn der Schwiegersohn seine Versuche, sie zu beruhigen, wieder aufnahm, war das Ergebnis ganz dasselbe. Dabei
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klagte Alma, die Großmutter genieße fast gar nichts mehr, und nachts, so oft sie aufwache, sehe sie die alte Frau aufrecht in ihren Kissen sitzen und lautlos die Lippen bewegen, als ob sie den Namen Folkert ausspräche. In seiner Sorge wandte sich nun Klaus Tönjes an den Pastor, setzte diesem die Sache auseinander und bat ihn um Wiederaufnahme der kirchlichen Fürbitte. Der Geistliche hörte ihn an und erklärte darauf, es tue ihm herzlich leid, aber nachdem von Gerichts wegen die Todeserklärung erlassen worden, sei es doch widersinnig, die Fürbitte noch länger aufrecht zu erhalten.
„Ich dachte, Herr Pastor,“ meinte Klaus Tönjes, verlegen seine Mütze zwischen den Händen drehend, „ich dachte so, es wäre wohl kein Unrecht dabei, wenn man’s ließe, wie’s gewesen ist. Es ist doch die alte Frau — —!“
„Aber mein bester Mann,“ entgegnete der Pastor etwas eifrig, „bedenken Sie doch, was Sie damit von mir verlangen! Die kirchliche Fürbitte ist denn doch nicht eine Art von Komödie mit dem Zweck, die Leute in einer wohltuenden Täuschung zu erhalten! Ich will von Herzen gern die alte Frau besuchen und ihr Trost spenden, soviel in meinen Kräften steht. Aber sie mit einer nicht ernst gemeinten, nur zum Schein getanen Fürbitte aufrichten — nein, das kann man nicht von mir verlangen, das bringe ich nicht fertig!“
Vielleicht hätte Klaus Tönjes doch noch einen letzten Versuch gemacht, den Pastor umzustimmen, allein grade in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und mehrere geistliche Amtsbrüder traten in das Zimmer. Klaus vernahm, daß eine theologische Konferenz stattfinden solle. So blieb ihm denn nichts übrig, als schweren Herzens den Heimweg anzutreten.
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Am nächsten Tage erfuhr man im Orte, der Pastor sei durch telegraphische Botschaft nach seiner Heimatsstadt berufen worden. Seine Mutter sei hoffnungslos erkrankt und habe ihn vor ihrem Ende noch einmal zu sehen gewünscht. Wieder zwei Tage später erzählte der Küster, die Kranke sei gestorben, doch habe der Sohn sie zum Glück noch lebend angetroffen. Er habe dem Pastor sofort brieflich den Vorschlag gemacht, ob nicht er am nächsten Sonntage das Amt verwalten und der Gemeinde eine Predigt vorlesen solle. Doch sei es ihm zweifelhaft, ob jener darauf eingehen werde, denn bekanntlich verlange er von sich selbst immer das äußerste. Und in der Tat, als der Sonntag kam, stand, wie sonst, der Pastor auf der Kanzel und predigte über den Text: „Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen.“ Freilich, sein Gesicht war weiß wie ein Leintuch, und in seiner Stimme zitterte eine Weichheit, wie sie noch keins seiner Gemeindeglieder bei ihm wahrgenommen hatte. Nach dem Kirchengebet kam die Fürbitte: „Geleite, die draußen sind!“ und plötzlich erklangen langsam, nachdrücklich, inbrünstig die Worte: „Für einen Junggesellen nach Ostindien!“ Da neigte in dem Frauengestühl sich ein altes graues Haupt in die vorgehaltenen Hände und ein Ton wie von heißem Schluchzen bebte durch den Raum des Gotteshauses. An dem Totenbette der eigenen Mutter hatte der junge Prediger, der bis dahin vielleicht zu sehr seine eigenen Wege gewandelt war, eines Mutterherzens ganzen unsäglichen Reichtum am eigenen Herzen erfahren, und er hatte es „fertig gebracht“, einer alten bekümmerten, todestraurigen Seele den einzigen Trost zu spenden, für den sie empfänglich war!
— Als Frau Ahlke aus der Kirche kam, sandte sie Alma zu ihrem Vater mit der Botschaft, daß sie ihn zu
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sprechen wünsche — eine Aufforderung, der Klaus Tönjes auf der Stelle nachkam.
„Mutter!“ rief er bei ihrem Anblick aus, „Ihr seid ja auf einmal wohl zehn Jahre jünger geworden!“
Sie ging darauf nicht ein, sondern nickte ihm nur zu und sagte: „Es mag nun kommen, wie es will, Klaus, soviel ist gewiß: aus und vorbei ist die Sache noch nicht! Das muß dem Pastoren ja auch deutlich geworden sein! Und dir will ich nun gleich heute sagen: kommt Folkert zurück, wenn ich schon tot bin, dann erinnere ihn daran, daß er ’was hergibt zu ’ner neuen Glocke. Und beerbt ihr mich — ich meine, kommt er überhaupt nicht wieder — dann möcht’ ich auch einen Teil von dem Gelde für die Glocke verwandt wissen. Wieviel? — das will ich euch überlassen, ihr müßt wissen, wieviel ihr entbehren könnt. Mein Testament ist im übrigen fertig, aber dies will ich nicht weiter schriftlich machen, es wäre zu weitläufig, und ich weiß, ihr werdet es einrichten, wie ich’s gewünscht habe. Und weshalb ich’s wünsche, das ist, weil Folkert es immer mit der Glocke zu tun hatte und dann — weil’s dem Pastoren Freude machen wird. Nicht wahr, du versprichst es?“
„Alles, Mutter!“ sagte Klaus Tönjes, „alles, was Ihr wollt und wie Ihr’s wollt!“ und er schlug in ihre dargebotene Hand.
— Am Nachmittage, als Alma zur Kaffeezeit kam, die Großmutter zu wecken, fand sie diese mit leicht zur Seite geneigtem Kopf in ihrem Lehnstuhl sitzen. Sie antwortete nicht auf ihre Anrede, und als sich die Enkelin über sie beugte, sah sie, daß die alte Frau tot war. Ihr Mund war leicht geöffnet, und die Lippen umspielte ein glückliches Lächeln: sie war ja nun wieder vereinigt mit dem „Jung-
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gesellen“, der nach Ostindien gegangen und nicht wiedergekommen war!
— Im nächsten Jahre, grade an dem Todestage von Frau Ahlke Tetens, ward in dem Kirchturm die Glocke aufgewunden, die fortan die Gemeinde zum Gotteshause rufen sollte.
Es war lange hin- und herberaten worden, was für eine Inschrift ihr zu geben sei. Zuletzt hatte man doch keine bessere zu finden vermocht, als diejenige, welche die Glocke einer anderen Küstengemeinde trug und deren Verfasser ein in ganz Norddeutschland bekannter und hochgeschätzter Dichter ist.
Sie lautet:
„Christusglocke heiß’ ich,
Zwei gute Häfen weiß ich,
Einen hienieden, ihr Schiffer, für euch,
Einen dort oben im Himmelreich!“